Von den Anfängen zur Gegenwart auf dem Emperthügel


Die Menschen im Heim damals und heute
Die Betriebsberichte der Jahre 1964 bis 1966 öffnen ein Fenster in die ersten Jahre des Klösterli auf dem Emperthügel. Sie lassen erahnen, mit wie viel Herz, Haltung und Weitsicht damals der Grundstein für unsere heutige Arbeit gelegt wurde. Die Menzinger Schwestern begegneten den Kindern schon damals mit grosser Professionalität, Aufmerksamkeit und Reflexionsbereitschaft.
Beim Lesen wird spürbar, wie viele Gedanken, Fragen und Werte von damals bis heute weiterleben. Vieles hat sich verändert – etwa die Trennung von Lebens- und Arbeitswelt oder der Betreuungsschlüssel. Und doch bleibt etwas Verbindendes: Der Geist des Klösterli Wettingen, der über die Jahre gewachsen ist und weitergetragen wird.

Seit den 1960er-Jahren hat sich das Leben im Heim stark verändert: Heute leben auf den Internen Wohngruppen (IWG) jeweils 8 Kinder, auf der Aussenwohngruppe (AWG) 6 Jugendliche und im Begleiteten Wohnen (BEWO) 3 junge Erwachsene. Die Aufenthalte sind heute in der Regel längerfristig angelegt; Kinder und Jugendliche bleiben durchschnittlich ca. 1500 Tage im Klösterli. Diese Entwicklung ermöglicht mehr Stabilität, Beziehungsarbeit und kontinuierliche Begleitung im Alltag.

Auch heute bleibt die Personalfrage im sozialen Bereich anspruchsvoll. Es fehlen nicht unbedingt Bewerbungen, sondern vor allem erfahrene Fachpersonen, die langfristig bleiben möchten. Gleichzeitig ist die Konkurrenz um qualifizierte Sozialpädagog:innen gross: Kinder- und Jugendheime, Schulen, ambulante Angebote, Psychiatrie und Behörden suchen häufig dieselben Profile.
Im Klösterli werden Sozialpädagog:innen gesucht, die Kinder und Jugendliche fachlich kompetent, verlässlich und mit persönlichem Engagement begleiten. Gerade für Kinder sind langfristige und konstante Beziehungen besonders wichtig. Deshalb legt das Klösterli grossen Wert auf stabile Arbeitsbeziehungen und Mitarbeitende, die den Kindern Sicherheit, Orientierung und Vertrauen schenken.

Ab 1990 begann sich dieses Bild allmählich zu verändern. Schritt für Schritt wurden die Schwestern, die die Kinder über viele Jahre mit grosser Fürsorge und Professionalität begleitet hatten, durch weltliches Fachpersonal ersetzt. Damit löste sich auch die frühere Verbindung von Lebens- und Arbeitsort.
Heute arbeiten im Klösterli ausgebildete Fachpersonen, die die Kinder ebenfalls professionell und mit viel Engagement begleiten. Sie kommen für ihre Arbeit ins Klösterli, wohnen aber selbstverständlich nicht mehr dort. So zeigt sich auch hier der Wandel der Zeit: Aus dem früheren Lebens- und Wirkungsort der Schwestern ist ein zeitgemässer Ort der Betreuung, Förderung und Geborgenheit geworden.
Beziehungsarbeit nach innen und aussen

Kinder und Jugendliche wachsen nicht in Zuständigkeiten auf. Sie wachsen in Beziehungen. Sie spüren, wer ihnen zuhört, wer an sie glaubt, wer nachfragt und wer auch dann bleibt, wenn es schwierig wird. Darum ist der Austausch im Team, den die Schwestern bereits 1964 als wichtigen Teil ihrer Arbeit beschrieben haben, bis heute ein Herzstück unserer Arbeit. Gemeinsam hinschauen, Erfahrungen teilen und Verantwortung tragen – damit kein Kind und auch keine Mitarbeiter:innen mit ihren Herausforderungen allein bleibt.
Immer wichtiger ist heute: Ein Kind wird nicht nur von den Menschen in einem Haus begleitet. Es wird getragen von vielen Beziehungen. Von Eltern, Freundinnen und Freunden, Lehrpersonen, Therapeutinnen und Therapeuten, Beistandspersonen, Vereinen und vielen anderen Menschen, die seinen Weg kreuzen. Wenn diese Menschen miteinander im Gespräch bleiben, entsteht etwas Wertvolles: ein Netz, das Halt gibt. Denn was Kinder und Jugendliche am meisten brauchen, sind nicht perfekte Strukturen, sondern Menschen, die sich verbunden fühlen und gemeinsam für sie da sind.

Aktuell besuchen 16 Kinder den Kindergarten, darunter ein Kind aus dem Klösterli. Die jüngeren Kinder werden liebevoll als «Raupen» bezeichnet. Sie entdecken neugierig die Welt des Kindergartens und sammeln erste Erfahrungen in der Gemeinschaft. Die älteren «Schmetterlinge» stehen kurz vor dem nächsten Entwicklungsschritt: Nach den Sommerferien breiten sie ihre Flügel aus und wechseln in die Primarschule Dorf.
So zeigt sich Tag für Tag, was das Klösterli ausmacht: ein Ort der Begegnung, der Zugehörigkeit und des gemeinsamen Aufwachsens.

Dass unsere Kinder und Jugendlichen die öffentliche Schule besuchen, war bereits in den 1960er-Jahren ein prägendes Merkmal der Arbeit im Klösterli – und ist bis heute eine grosse Chance. Der Schulbesuch im Dorf bringt sie täglich mit dem Leben ausserhalb der Institution in Kontakt und eröffnet Zugänge zu einer grösseren sozialen Welt.
Gleichzeitig bedeutet dieser Alltag, dass Kinder und Jugendliche nicht nur ihren Schulrucksack tragen, sondern auch persönliche Erfahrungen, Brüche und Belastungen, die ihr Lernen und Verhalten mitprägen. Damit sie sich sicher und angenommen fühlen können, braucht es tragfähige Beziehungen – zwischen Kindern, Fachpersonen und Lehrerschaft ebenso wie zwischen Schule und Klösterli.
Diese Zusammenarbeit ist heute bewusster gestaltet und fachlich stärker vernetzt als früher. Der Austausch mit Lehrpersonen, Schulleitungen und Fachstellen schafft eine gemeinsame Grundlage, um Kinder und Jugendliche besser zu verstehen und sie abgestimmt zu begleiten. Fachliche Inputs und gegenseitige Einblicke unterstützen dabei, Verhalten einzuordnen und Handlungssicherheit zu gewinnen.
Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Klösterli bleibt damit ein zentrales Element der gemeinsamen Verantwortung: nicht als Nebeneinander zweier Systeme, sondern als gemeinsamer Raum, in dem Entwicklung möglich wird.