Von Wettingen nach Wien
Im Rahmen meines berufsbegleitenden Studiums wurde es mir vom Klösterli Wettingen ermöglicht, während meiner Studienzeit ein neunwöchiges Praktikum im Ausland zu absolvieren. Ich habe diese Möglichkeit genutzt, um einen Einblick in einen mir bisher unvertrauten Bereich der Sozialen Arbeit zu erlangen, dem Asylwesen. Als Zieldestination habe ich Wien angepeilt, um mögliche Sprachbarrieren bei meiner Tätigkeit zu minimieren.
Ein völlig anderer Alltag
Es handelt sich um eine ganz andere Art des Arbeitens, als ich dies vom Klösterli kannte. Im Caritas Karwanhaus leben derzeit 130 Personen. Somit ist es augenscheinlich eine viel weniger enge Zusammenarbeit als auf den kleinen familiären Wohngruppen im Klösterli Wettingen.
Die Asylbewerber:innen regeln ihr Leben relativ selbstständig. Sie leben in Stockwerk-WGs, teilen eine Gemeinschaftsküche sowie ein Badezimmer, kochen und putzen jedoch eigenständig. Somit dreht sich meine Arbeit hier nicht um die Organisation des alltäglichen Lebens, sondern sind vielmehr administrativer Natur und vermittelnde Tätigkeiten. Die Zuständigkeit des Teams greift dort, wo sprachliche Barrieren oder Unwissenheit betreffend des österreichischen Systems bestehen (Asylverfahren, Gesundheitssystem, Finanzierungsanträge etc.).
Zwischen Formularen und Beratungsgesprächen
Somit verbringe ich die meiste Zeit meines Arbeitstages im Büro, tätige Anrufe für Termine oder Abklärungen, fülle Anträge aus oder führe einfache Beratungsgespräche. Auch die Begleitung der Klient:innen zu Terminen (Arzt, Bundesamt für Fremdwesen und Asyl etc.) kommen hin und wieder vor, bei welchen auch übersetzt werden kann / muss.
Freizeitgestaltung ohne Budget
In den Sommerferien wurde ich mit einer anderen Praktikantin beauftragt einige Aktivitäten mit den Kids zu planen. Anderes als im Klösterli Wettingen gibt es hier kein fixes Budget für die Freizeitbeschäftigung, was für die Planung hinderlich sein kann. Jeden Mittwochabend bin ich für die Umsetzung eines Sportprogramms mit den Kindern zuständig, was mir persönlich sehr zusagt.
In meiner ersten Woche habe ich am Mittwochabend zum ersten Mal am Sportprogramm teilgenommen. Es haben insgesamt vier Kinder teilgenommen. Wir sind mit ihnen auf den Spielplatz gegangen und haben anschliessend gemeinsam ein Eis gegessen. Ich war sehr beeindruckt darüber, wie normal entwickelt diese Kinder waren und dies trotz Fluchterfahrungen und schwieriger Umstände. Dies hat mir erneut aufgezeigt, was für einen enormen Einfluss ein funktionierendes, schützendes Familiensystem haben kann.


Bürokratie hautnah
An einem Freitag durfte ich eine Klientin zum BFA (Bundesamt für Fremdwesen und Asyl) begleiten. Es ging um die Beantragung eines neuen Ausweises. Mein Chef hat mich vorgewarnt, dass die Beamten dort etwas unfreundlich sein können. Aber mit einem Metalldetektor habe ich nicht gerechnet. Wir mussten allen Schmuck und elektrische Geräte ablegen und durch einen Ganzkörperdetektor durchgehen. Schliesslich wurden wir am Schalter abgewiesen, da die Klientin ein zu altes Foto mitbrachte. Gesetzlich gäbe es eine Frist, wie alt das Bild höchstens sein darf. Wir sollten am Nachmittag um 13:00 Uhr zurückkommen mit einem neuen Foto. Am Nachmittag gab es eine Schlange von rund 40 Leuten vor dem BFA und die Beamten verschlossen die Türe nach jeder Person, die reinging. Wir standen trotz vereinbartem Termin ca. 30 Minuten in der Schlange und andere Leute warteten noch immer, als wir bereits wieder rauskamen. Es war für mich erschreckend, wie mit den Klient:innen dort umgegangen wurde und zeigte für mich eine Reproduktion des Bilds der „bösen, ungewollten Ausländer:innen“ auf.
Sprachbarrieren im Gesundheitswesen
In Wien gibt es die Möglichkeit bei Terminen in Krankenhäusern eine:n Videodolmetscher:in zu beantragen. Der Wiener Gesundheitsverbund ist der Auffassung, des die gesundheitliche Versorgung der Patient:innen unabhängig von der Sprache gewährleistet werden soll. Nur ist leider das Wissen innerhalb der Spitäler über diese Möglichkeit lückenhaft. Somit wurde meine Beantragung für Übersetzung erst abgelehnt. Nach Kontaktaufnahme mit dem Vorstand des Gesundheitsverbunds konnte innert zwei Stunden eine übersetzende Person organisiert werden.